Karin Karinna Bühler

  Bildende Künstlerin und Informationswissenschaftlerin. Kritische Neugierde prägt meine Arbeit. Ich analysiere unsere Gesellschaft und hinterfrage die Art und Weise, wie wir mit Sprache, mit Geschichte und Geschlecht umgehen.


2024Grundlagentext, Recherche, Feminismus, Appenzellerland

Feminismus im Appenzellerland?  Teil 1

Eine Kindheitserinnerung an die Landsgemeinde in Appenzell Ausserrhoden


Es ist bekannt, dass die Appenzellerinnen sehr unrühmlich die letzten Schweizer Frauen waren, die das Stimm- und Wahlrecht erhielten. Erst seit knapp 30 Jahren ist den Appenzellerinnen in amtlichen und politischen Geschäften die Mitsprache gänzlich erlaubt. Seit knapp 30 Jahren. Erst.

1893. Die Maori Frauen waren weltweit die ersten, die offiziell abstimmen durften. In Amerika wurde das Frauenwahlrecht bereits 1920 in der Verfassung verankert – wofür notabene bereits in den 1840er Jahren eine erste breite Bewegung entstand. Ein halbes Jahrhundert nach den USA wurde 1971 in der Schweiz das Frauenstimm- und wahlrecht auf Bundesebene eingeführt. Auf kommunaler und kantonaler Ebene hatten im Appenzellerland nach wie vor nur die Männer das Sagen.

In diese Welt wurde ich 1974 geboren. 

Immerhin engagierten sich ein paar gerechtigkeitsbewusste Menschen für das Frauenstimm- und Wahlrecht auf kommunaler und kantonaler Ebene. Die kantonale Volksabstimmung der beiden Appenzeller Halbkantone – die Landsgemeinde – war jahrhundertelang nur Männern vorbehalten. Diese jährliche Zusammenkunft wurde von vielen Appenzeller Männern als ihr Tag betrachtet, als Männertag. Wählen und Abstimmen war Ehrensache. Auch der Degen, der anstelle des Stimmausweises die Teilnahme an der Landsgemeinde erlaubte.

Mein Vater hatte keinen Degen, dafür einen Stimmausweis. Mangels Parkplätze vor Ort war der Landsgemeindesonntag auch ein Wander- und Fahrradtag. Die stimmberechtigten Männer wanderten oder radelten in kleinen Gruppen nach Hundwil, oder alternierend nach Trogen, wo die Schar auf dem Dorfplatz zusammentraf. Es gab einen als Ring bezeichneten Bereich, wo sich die Stimmberechtigten einzufinden hatten. Ausserhalb des Rings standen die Schaulustigen. Darunter auch Frauen. Meine Mama war nie dabei. Der Landsgemeindetag war ein Männertag. Papa kam in der Regel spät nach Hause. Immer lustig – und zünftig alkoholisiert. Entlang der Wanderstrecke gab es viele Gasthäuser. Das Appenzellerland ist bekannt für die grosse Dichte an Beizen … Da hatten Frauen nichts verloren. Ist ja klar. Viele Gegner des Frauenstimm- und wahlrechts wehrten sich vermutlich weniger wegen des Einbezugs von Frauen in die politischen Geschäfte, als vielmehr wegen der dann in Frage gestellten Zecherei mit Kollegen vor und nach des politischen Akts. 

Alle Geselligkeit in Ehren – Frauen müssen mitbestimmen dürfen, fand eine zunehmende Anzahl von Frauen und Männern. Die Form der Stimmabgabe per physischer Zusammenkunft sei nicht mehr zeitgemäss. Elisabeth Pletscher, Aline Auer, Marianne Kleiner oder auch Ida Schläpfer (Kunstfigur von H.R. Fricker), diverse andere Frauenrechtsaktivist:innen und Organisationen (z.B. Frauenzentrale Appenzellerland) haben sich über Jahre für das Frauenstimmrecht eingesetzt. Es brauchte viel Ausdauer: Die stimmberechtigten Männer haben sich zwischen 1970 und 1984 fünf Mal gegen das Frauenstimmrecht ausgesprochen. 1972 wurde zwar die Möglichkeit des Frauenstimmrechts auf Gemeindeebene gutgeheissen, das kantonale Stimmrecht aber gleichzeitig abgelehnt. Während in den 1970er Jahren in den USA zahlreiche feministische Initiativen entstanden, die grössere Sichtbarkeit von Frauen im Kunstbetrieb forderten (vgl. Oh, Lucy!), wurde im Appenzellerland noch um das Frauenstimm- und wahlrecht gekämpft. 

1989. Beim 6. Mal gelingt 1989 der historische Volksentscheid an der Landsgemeinde in Hundwil. Endlich wurde auch in meinem Wohnkanton Appenzell Ausserrhoden das Frauenstimm- und wahlrecht auf kantonaler Ebene eingeführt. Damit war Appenzell Ausserrhoden der zweitletzte Kanton in der Schweiz, in dem Frauen auf allen Ebenen (eidgenössisch, kantonal und kommunal) politisieren durften.

Das war zwei Monate vor meinem 15. Geburtstag. 



1990. Es findet die erste Landsgemeinde in Appenzeller Ausserrhoden mit Frauen statt. 

1993. Nun 18-jährig und damit stimmberechtigt, durfte ich zum ersten Mal selber an einer Landsgemeinde teilnehmen. Zusammen mit Freund:innen wanderte ich zur Versammlung, wo per Handzeichen über die kantonalen Geschäfte abgestimmt wurde. Es war ein ehrfürchtiges und emotionales Ereignis, bei dem Demokratie physisch erlebbar war. Zu Beginn wurde das Landsgemeindelied gesungen. Das war definitiv ein Gänsehautmoment. Die ganze Menge formte sich zum Chor. „Alles Leben strömt aus dir …“ sang auch ich. Dann wurden die Tagesgeschäfte vom Landamann vorgetragen. Noch immer höre ich den Landweibel ins Mikrofon schreien: „Wem’s wohl gfallt, der erhebe die Hand!“ Einzelne Empörte gab es, die gegenteiliger Meinung waren und riefen: „Abe, abe!“ („Nimm‘ die Hand runter!“) Sozialer Druck war später entsprechend eines der Argumente zur Aufhebung der Landsgemeinde. Zudem konnte der Stimm- und Wahlprozess je nach Anzahl der Geschäfte und Unklarheit der Ergebnisse, die zu Wahlwiederholungen führten, Stunden dauern. Auch das Wetter (pralle Sonne oder Regen) sorgte bisweilen für körperliche Strapazen. Weiter war der gegebene Platz zu gering für alle Stimmberechtigen des Kantons bei ca. 52’200 Einwohner:innen im Jahr 1990. In summa war diese Praxis, die ältere, behinderte oder zeitlich verhinderte Personen von einer Stimmabgabe ausschloss, Anlass genug, die Landsgemeinde abzuschaffen. 

Die letzte Landsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden fand am 27. April 1997 in Hundwil statt. Fortan wurden und werden die Stimmen für sämtliche Geschäfte (kommunal, kantonal und eidgenössisch) via Stimmzettel gesammelt. 

Wenngleich erst drei Jahrzehnte zurückliegen: Heute kann gesagt werden, dass die Einführung des Frauenstimmrechts ein bedeutender Schritt in Richtung Gleichstellung der Geschlechter war. Frauen erhielten die gleichen politischen Rechte wie Männer, was ein wichtiges Signal für die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung ihrer Rolle und Beiträge darstellte. Mit der Beteiligung von Frauen an politischen Entscheidungen kamen neue Perspektiven und Anliegen in den politischen Diskurs. Themen wie Bildung, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und Familienpolitik erhielten mehr Aufmerksamkeit und wurden stärker gefördert. Es gibt zahlreiche Studien und Berichte, die belegen, dass Frauen, die politisch aktiv sind, sich oft auch für bessere Arbeistbedingungen, Bildungschancen und soziale Sicherheit einsetzen. Insgesamt trägt dieses Engagement zur Verbesserung der Lebensqualität bei. Seltsam, dass rechtskonservative Stimmen die Frauen noch immer an den Herd zurück wünschen.

Karin Karinna Bühler, Februar 2024

Teil 2

Mit freundlicher Unterstützung der Innerrhoder Kunststiftung



Weiterführende und vertiefende Links:


https://www.swissinfo.ch/ger/politik/der-globale-kampf-um-das-frauenstimmrecht/46325068

https://www.srf.ch/news/frauenstimmrecht-ar-es-war-ein-grossartiger-moment


https://www.srf.ch/kultur/der-archivar-es-bestand-kein-grund-mehr-frauen-das-wahlrecht-zu-verweigern

https://www.nau.ch/politik/international/vor-30-jahren-wurden-appenzell-ausserrhodens-frauen-politisch-mundig-65516310

Die Geschichte des Frauenstimmrechts in der Schweiz ist lang. Dieser Bericht zeigt die wichtigsten Etappen des steinigen Wegs zur Einführung des eidgenössischen Stimm- und Wahlrechts für Frauen am 7. Februar 1971. 
SRF Diagonal, 20.2.1991


Landsgemeinde in Hundwil 1989. Das Frauenstimmrecht wird angenommen. 
Bild: Herbert Maeder



Die Frauenrechtlerin Elisabeth Pletscher an der 1. Landsgemeinde in Trogen 1990, an der auch Frauen teilnehmen dürfen. 
Bild: Privatarchiv Elisabeth Pletscher



Landsgemeinde in Hundwil 1995. Zum 6. Mal sind Frauen als Stimmberechtigte dabei. Zwei Jahre später wurde die Landsgemeinde in Appenzell Ausserrhoden abgeschafft. Bild: Keystone



Frauenstimmrecht: Die Pionierin von Appenzell Ausserrhoden
NZZ 30.4.1991