Karin Karinna Bühler

  Bildende Künstlerin und Informationswissenschaftlerin. Kritische Neugierde prägt meine Arbeit. Ich analysiere unsere Gesellschaft und hinterfrage die Art und Weise, wie wir mit Sprache, mit Geschichte und Geschlecht umgehen.  


2026Text, Recherche, Feminismus

Anti-P-Feenstaub

Wunsch an eine Fee: “Ich wünschte mir die letzten Tage des Patriarchats”



-> ICH WÜNSCHTE MIR DIE LETZTEN TAGE DES P, DES PA, DES PATRIARCHATS

Eine Fee würde ihren Feenstaub mit zierlichen Bewegungen über die Stadt streuen und damit das PATRIARCHAT wegzaubern! Wie bezaubernd. 


-> ICH STELLE MIR DAS PATRIARCHAT SO VOR, ALS WÜRDE ICH DIE HOSEN MEINES GROSSVATERS TRAGEN.
SIE SIND MIR VIEL ZU GROSS. HOSENTRÄGER HALTEN DIE STOFFMASSE AN MEINEM KÖRPER. STÄNDIG STOLPERE ICH ÜBER DIE HOSENSTÖSSE.
WENNGLEICH ES SEINE LIEBLINGSHOSE GEWESEN SEIN MAG -
MIR PASST SIE NICHT.
SIE ENTSPRICHT WEDER MEINEM GESCHMACK, NOCH MEINEN BEDÜRFNISSEN.



Tatsächlich besitze ich eine Hose meines Grossvaters. Sie ist in der Fasnachtskiste verstaut und hat schon Verwendung gefunden, wenn eine Übergrösse gefragt war, die einen dumm und tolpatschig aussehen liess. 

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Mein Opa. An unseren Sonntagsbesuchen wippte er im Schaukelstuhl. Auf den Spaziergängen strahlte er etwas Staatsmännisches aus, mit seinem behäbigen Umfang, seinem beigen Mantel, dem Hut, seiner getönten Hornbrille. Da war mehr Autorität als Liebe. Meine immer geschäftige Oma hielt während den Spaziergängen den Dackel an der Leine. Ansonsten half sie im Büro, stand in der Küche, wirkte im Garten. Pausenlos. Meine Oma sass erst im Altersheim tatenlos auf der Bettkante. Mein Opa war dann schon vor einigen Jahren an Krebs gestorben. Sie kamen beide aus einfachen Verhältnissen, hatten sich hochgearbeitet, hatten es zu etwas gebracht. Was hat es ihnen gebracht? 

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Als Kind bat ich meine Oma, einen Eintrag ins Poesiealbum zu machen. Sie pauste das Bild eines Brunnen ab und schrieb dazu:

Der Brunnen ist wie das Leben.
Geben, geben, immer nur geben.

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Ich spüre, dass mir das Patriarchat unbequem und unangenehm ist, dass es unfair, hierarchisch, parteiisch und ausbeuterischist. Ich weiss, dass in den vergangenenen Jahrhunderten Männer Werte, Normen und Gesetze definiert haben, die für (v.a. für reiche, weisse) Männer galten und gelten, dass sie Häuser, Strassen und Betriebsabläufe für ihre Bedürfnisse gestalteten, dass Frauen*, nicht-männliche, nicht-weisse Menschen zweitrangig, bisweilen sklavenartig, behandelt wurden. 
Die Männer mach(t)en Geschäfte, führ(t)en Kriege, bereicher(te)n sich mit Rohstoffen, zerstör(t)en die Erde, beute(te)n Arbeitskräfte, Migrant:innen und Frauen aus. Es geht um Macht und Machterhalt mit Gewalt und Geld. Das ist das Patriarchat. Wie werden wir es los?

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I don’t wonna go back!

PROLOG 1

In den Vorweihnachtstagen wurde ich von einem Journalisten des St.Galler Tagblatts gefragt: Was würden sie sich von einer Fee für die Stadt St.Gallen wünschen?

Kinderwünsche sind grossartige Wünsche. Und Feen sind - mindestens in den Geschichten - zu vielem fähig! Welcher Feenzauber wäre denn durch und durch wirksam?  

Wie wäre es, wenn die Fee das Patriarchat wegzaubern würde?
Das wäre ein schöner Zauber!

In relativ kurzer Zeit war ein leichtfüssiger Text verfasst. Hier nachzulesen: Neujahrswunsch, Tagblatt, 27.12.2025 Am Ende versuchte ich in aller Kürze zu beschreiben, was der Anti-P-Feenstaub bewirkt hatte. Wie sähe die Stadt aus, wenn das Patriarchat verschwunden wäre? Wie beschreibt man etwas, das man nicht kennt?

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PROLOG 2

Bereits 2021 installierte ich die Skulptur Die letzten Tage des Patriarchats im Rahmen der Gruppenausstellung Heimspiel an der Fassade des Kunstmuseum St.Gallen. Während der zwei Jahre bis zur Demontage der Skulptur im 2023 wurde von den Entscheidungsträger:innen des Hauses ein Manifest ausgearbeitet. In einem kollektiven Prozess wurden die Fragen geklärt: Wo, in welcher Form ist das Patriarchat in der Institution erkennbar? Was können wir dagegen unternehmen? Es wurder erkannt, dass in der Sammlung (vor allem die historischen Werke) vorwiegend von Künstlern geschaffen wurden. Auch Personalanstellungen wurden eher nach Geschlechterstereotypen vorgenommen (z.B. technische Arbeiten für Männer, Aufsicht für Frauen). Das Manifest mit konkret auformulierten Massnahmen wurde von allen Beteiligten unterschrieben und ist nun Teil der Kunstsammlung.

Im titelgebenden Buch Die letzten Tage des Patriarchats (2019) von Margarete Stokowski[3] werden Themen wie #MeToo, Gleichstellung, Körperpolitik, Rechtspopulismus, Gender Studies und Macht reflektiert – stets pointiert, klar und mit Humor. Viele andere Autor:innen und Forscher:innen haben sich bereits mit dem Patriarchat beschäftigt und Definitionen hervorgebracht.

Ich lese Bücher, höre Podcasts, tausche mich mit Freundinnen aus und nähere mich nur langsam diesem Gespinst Patriarchat. Es lässt sich kaum fassen. Es hat keine Gestalt. Man kann es weder verbrennen noch zerknüllen. Auch nicht wegzaubern. Leider.

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PROLOG 3

Bevor mir ein Wegdenken des Patriarchat gelingen kann - es hilft wohl auch kein Zauber -, versuche ich es erst einmal zu erfassen, zu definieren:
Der Begriff Patriarchat stammt aus dem Altgriechischen (πατριάρχης – pater = Vater, archē = Herrschaft) und bedeutet wörtlich Herrschaft des Vaters. Das Patriarchat bezieht sich nicht auf einzelne Männer, sondern auf ein System aus Regeln, Erwartungen und Institutionen, das Geschlechterungleichheit produziert und stabilisiert. Es ist ein Begriff für gesellschaftliche Ungleichheit, die durch Gesetze, Arbeitsmärkte, Medien, Technologie oder digitale Plattformen aufrechterhalten wird.

In Die Entstehung des Patriarchats (engl. The Creation of Patriarchy) untersucht Gerda Lerner, wie und warum patriarchale Herrschaftsstrukturen historisch entstanden sind – und macht dabei etwas Wichtiges klar: Das Patriarchat ist kein Naturzustand, sondern ein historisches, menschengemachtes System. Sie beschreibt unter anderem wie die Rolle von Frauen und ihre soziale, rechtliche und wirtschaftliche Stellung in frühen Gesellschaften schrittweise eingeschränkt wurde. Diese Tendenzen können wir heute bei Autokraten leider erneut beobachten. Diesen Tendenzen gilt es entschieden entgegen zu treten. Deshalb auch dieser Text.

Bei der Abschaffung des Patriarchats geht es nicht um die Einführung des Matriarchats. Es wäre auch viel zu kurz gegriffen, wenn es “nur” um die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter ginge. Bei der Abschaffung des Patriarchats geht es um die Aufhebung von struktureller Ausbeutung aufgrund hierarchischer, klassistischer, rassistischer Vorgaben - aufgrund patriarchaler Denk- und Handlungsweisen. Es geht um Care.

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PROLOG 4

Die letzten Tage des Patriarchats suggeriert, dass das Patriarchat am Ende seiner Existenz steht. Der Titel weckt die Vorstellung, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden, kurz vor einer grundlegenden Veränderung hin zu einem Miteinander von Mensch und Umwelt.

So sei es. Die letzten Tage des Patriarchats ist eine Ankündigung.

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PROLOG 5

Veränderungen werden zuerst gedacht, dann gelebt. Auch die guten.