Karin Karinna Bühler

  Bildende Künstlerin und Informationswissenschaftlerin. Kritische Neugierde prägt meine Arbeit. Ich analysiere unsere Gesellschaft und hinterfrage die Art und Weise, wie wir mit Sprache, mit Geschichte und Geschlecht umgehen.  


2026
Text


Karin, reagiere mal da drauf

Portrait von Ros Fromherz




Die bildende Künstlerin Karin Karinna Bühler aus Trogen wird regelmässig für Ausstellungen angefragt, weil sie dafür bekannt ist, auf Orte und die dahinter verborgenen Geschichten oder Missstände künstlerisch zu reagieren.

Ros Fromherz

26.06.2026

Kunstausstellung der anderen Art
Ein grosses, altes Haus an der Auguststrasse in Berlin. Karin klingelt, die Tür wird geöffnet. Sie tritt ein und findet sich in einer ungewöhnlichen Kunstausstellung wieder. Statt kahler weisser Räume mit Kunstwerken auf ebenso weissen Sockeln begegnet sie Kunst in einem Umfeld, das von historischer Bedeutung aufgeladen ist. Kunst, die berührt, inspiriert, verändert. Zum ersten Mal erlebt sie einen Raum nicht als störende Notwendigkeit, die unsichtbar zurücktreten soll. Im Gegenteil: Der Raum darf und soll sichtbar sein, weil er selbst Bedeutung trägt und einen Realitätsbezug herstellt. An der Berlin Biennale 2006 begegnete Karin dieser Form von Kunst zum ersten Mal. Seither ist für sie klar, dass ihre Kunst mit dem jeweiligen Ort in Verbindung stehen soll.

Ein Mann mit Béret und Palette
Die Vorstellung, einmal Künstlerin zu werden, war für Karin lange undenkbar. Unter einer kunstschaffenden Person stellte sie sich einen «französischen Maler, also einen Mann mit Béret und Malerpalette» vor. Von diesem Bild fühlte sie sich überhaupt nicht angesprochen. Deshalb war ihr Weg zur Kunst lang. Nach einer pädagogischen Grundausbildung war sie drei Jahre lang an der Schule für Gestaltung in St.Gallen, darauf folgte Szenografie in Zürich. Während sich die bildende Kunst der Nachkriegszeit oft kaum für die Räume interessierte, in denen sie gezeigt wurde, setzte sich die Szenografie intensiv mit Raum auseinander. An der Schnittstelle von Theater, Ausstellungsdisplay und Kunst stellt sie immer wieder neue Fragen: Was ist die Bühne? Ist sie draussen oder drinnen, oben oder unten? Was passiert darauf? Wie wird etwas im Raum platziert und inszeniert? Gibt es Licht oder Ton? Auch das Publikum wird mitgedacht. Es soll von einem Anfang über einen gestalteten Prozess zu einem Schluss geführt werden. 

Assoziationsraum öffnen
Doch Karin geht es nicht darum, ihr Publikum zu unterhalten. Vielmehr sieht sie bildende Künstler:innen, Philosoph:innen und Literaturschaffende in der Verantwortung, Gesellschaft kritisch zu reflektieren, Fragen aufzuwerfen und unbequem zu werden. «Grundsätzlich habe ich einen kritischen Blick auf die Gesellschaft. Irgendwann habe ich gemerkt, dass man dem auch feministischer Blick sagen kann.» Wenn sie etwa zu einem Ort recherchiert und fast nur Dokumente findet, die Männer produziert haben, fragt sie sich, warum Frauen darin nicht vorkommen und welche Geschichten diese zu erzählen gehabt hätten. Wenn sie als Frau in der Geschichte nicht vorkommt – wer ist sie dann überhaupt?

Woher die Ideen kommen
Wer Gesellschaft kritisch reflektieren will, muss zuerst viel in Erfahrung bringen. Recherche ist deshalb ein wesentlicher Teil ihrer künstlerischen Arbeit. Aus diesem Grund studierte sie später auch noch Informationswissenschaften. Karin gräbt in Archiven, liest sich ein, sucht nach Material, legt es aus und steckt damit ein Feld ab. So verschafft sie sich einen Überblick über Themen und Spannungsfelder, merkt, wohin es sie zieht und an welchen Stellen sie tiefer gehen möchte. Erst wenn sie herausgefunden hat, wo es für sie spannend wird, beginnt sie Ideen zu entwickeln. Von da an nimmt die Arbeit allmählich Gestalt an – beeinflusst sowohl von der Recherche als auch vom Ausstellungsraum. Denn die Räume, auf die Karin Karinna Bühler mit Kunstwerken antwortet, geben selbst inhaltliche Impulse. Deshalb befragt sie den Raum bei Begehungen: «Raum, wer bist du? Woher kommst du? Was brauchst du, wonach schreist du?» Sie fragt sich, was das zentrale Thema eines Ortes ist und was dieses mit ihr selbst, ihrem Umfeld oder dem Umfeld des Ortes zu tun hat. In diesen Überschneidungen sucht sie nach einem Brennpunkt und entwickelt daraus ihre künstlerische Arbeit.
Kunstwerke, die aus dem Dialog mit einem Ort und seiner Geschichte entstehen, sind für sie besonders wirksam, weil sie einen konkreten Realitätsbezug herstellen und den Menschen in seinem Umfeld thematisieren. Im besten Fall ist die Arbeit direkt in den Raum eingebettet – so wie bei CAMBIO. In einem ausgedienten Ladenlokal in Castasegna, das seit dreissig Jahren leer steht, erzählen abblätternde Farbschichten, eine Ladentheke aus den 1950er-Jahren und verschiedene Gegenstände vom Wandel der Zeit im Bergell und dessen Einfluss auf die Lebensbedingungen in einem italienischen Grenzdorf. Der Raum selbst thematisierte bereits vieles von dem, womit sich die Künstlerin beschäftigen wollte. Die Arbeit besteht aus einem riesigen verspiegelten Schriftzug des italienischen Wortes CAMBIO, der den gesamten Innenraum durchmisst. Cambio lässt sich unter anderem mit Tausch, Wechsel, Wechselkurs oder Wechselgeld übersetzen. Dadurch werden Themen verstärkt und gespiegelt, die Karin ansprechen wollte. Der Raum spiegelt sich im Schriftzug – und mit ihm der Wandel der Zeit. Raum und ortsspezifische Arbeit sind zu einer Einheit geworden. Genau das findet sie spannend. Und offenbar nicht nur sie selbst. Wegen ihrer Arbeitsweise werde sie oft angefragt. Dann heisse es: «Karin, reagiere mal da drauf.»

Das Ungehörte hören
Als Künstlerin, die sich Orten über Recherche nähert und viel Zeit in Archiven verbringt, reagiert sie oft mit Sprache. «Ich verstehe mich durchaus als visuelle Künstlerin, verweigere mich aber, Bilder zu produzieren.» Das hängt wohl auch mit ihrer Tätigkeit in der feministischen Bibliothek Wyborada in St. Gallen zusammen. Dort ist sie umgeben von Büchern mit feministischen Blicken auf die Welt – und von vielen Autorinnen. «Die haben so viel Interessantes zu sagen, wo man bisher noch nicht richtig hingehört hat. Ich finde es spannend, das Ungehörte hören zu wollen. Da gibt es viel zu entdecken.»




Karin Karinna Bühler wurde 1974 geboren und ist in Herisau aufgewachsen. Heute lebt und arbeitet die Künstlerin in der Genossenschaft Palais Bleu in Trogen. Sie studierte Szenografie an der Hochschule der Künste in Zürich und Informationswissenschaft an der Fachhochschule Graubünden. Seit 2019 leitet sie die Bibliothek Wyborada in St.Gallen.
Das Portrait entstand im Rahmen eines Schulprojekts bei Raphael Labhart an der Kantonsschule Trogen AR.


Karin Karinna Bühler in ihrem Atelier, 2023
Bild: Lisa Bühler